Kito Lorenc, Dankrede zum Christian-Wagner-Preis


Sehr geehrte Damen und Herren!
Liebe Freunde der Poesie Christian Wagners!

Im Nachbardorf meines Geburtsortes lebte von 1766 - 1856 ein schreibender Bauer namens Hanso Nepila, der in den letzten Jahrzehnten seines Lebens, als er sich - nach der Feudalablösung - schon "Halbbauer in Rohne" nannte, eine Reihe von Handschriften in seinem sorbischen Heimatdialekt verfaßte, die nur zu einem geringen Teil erhalten blieben. Dabei "malte" er seine naiv-kosmologisch gefärbten religiösen Traktate den Drucklettern einer Bibelvorlage nach, während die recht flüssig in deutscher Schreibschrift "geschriebenen" Texte autobografischen Charkaters sind und detailliert von der entbehrungsreichen Kindheit des Verfassers, der "großen Arbeit" seines Bauerndaseins und seinem Alterselend im Ausgedinge berichten.

Für mein beim Reclamverlag in Leipzig 1981 erschienenes "Sorbisches Lesebuch" hatte ich einen Ausschnitt aus Nepilas Lebensbeschreibung gewählt, an den ich mich lebhaft erinnert fühlte, als ich in den Aufzeichnungen Christian Wagners die Zeilen las: "Der folgende Sommer (1860) ließ sich anfangs etwas trocken an, so daß wir Futtermangel befürchteten (...) Die Sensen wurden geschärft, um schon morgen mit dem Mähen zu beginnen. Aber, o weh! Das Wetter, das seither so schön gewesen war, begann sich zu ändern und es regnete täglich. Zuletzt wollten wir auch nicht mehr länger warten, da das Getreide gelb wurde (...) Eines Morgens nun, da der Himmel sich zu hellen schien, gingen ich und meine Mutter, die den Bedarf an Speise und Trank bei sich trug, von Hause ab, um das Gras zu mähen (...) Aber kaum hatte ich einige Stunden gemäht, als auch schon wieder Wolken aufstiegen und es regnete, was herab konnte. Wir bargen uns unter einer großen Buche, und sobald es aufhörte, machten wir weiter.
Aber den anderen Tag war wieder das gleiche, und wir wünschten, daß das Gras lieber noch stehen möchte und mähten nicht mehr (....)

(...) es regnete eben täglich, und wir sahen ein, daß es keinen Sinn hatte, Gras zu mähen und sodann verderben zu lassen. Es wurde nämlich in den schmalen, schattigen Waldungen gar nicht mehr trocken (...) Allein ich bin wieder der Zeit vorausgeeilt, und ich kehr zurück, wo ich mich so 1856 verlassen. Das war ein sehr trockener Sommer, und das Futter geriet nicht. Aber Eicheln gab es in Menge (...) nun (...) gingen wir täglich in den Wald, Eicheln zu lesen, und als die Witterung rauher wurde, ich allein. Wir sammelten eine große Menge und fütterten sie den Winter über unserem Vieh als Ersatz für das fehlende Heu."
Der gewissermaßen analoge, möglichst wortgetreu übersetzte Ausschnitt aus Hanso Nepilas Schriften, dem ich den Titel "Das Hungerjahr" beigegeben hatte, handelt fast 100 Jahre früher und beginnt mit der Wendung: "Nun denn, Ihr hohen und gnädigen Herrschaften, ich will Euch auch eine neue Nachricht vorbringen von dem Teuerungsjahr damals, als ich klein war, und was für Speise ich gegessen habe derzeit in dem Teuerungs- und Hungerjahr, und damals schrieb man 1770.

Seinerzeit", fährt Nepila fort, "war ein sehr nasses Jahr und ein armes Jahr und ein sehr hungriges Jahr. Der Roggen war nicht gewachsen und ganz klein am Boden sitzen geblieben und war mißraten, und der Buchweizen war überhaupt nicht gewachsen (...) und die Hirse war kaum aus der Erde gekeimt und aus ihr wurde gar nichts (...) Für uns beide ging meine Mutter immer nach Blättern und pflückte sie und kochte Melde und wir aßen sie.
Und so hat uns meine Mutter immer die Melde gekocht, bis zur Erntezeit sammelte sie die verschiedenen Blätter: Hopfenblätter, Lindenblätter, Pflaumenblätter, Hederichblätter, Rapsblätter, Kartoffelkräutich und auch Brennesselblätter (...) Und meine Mutter weinte, daß sie hier nichts zu essen hat, als nur das Meldekraut, ohne Fett zubereitet und ungesalzen, und sogar dies nirgend und nimmer beschaffen kann, um es zu kochen (...) Nun hatte mein Vater Lehm zu Hause. So ging ich zu dem Lehm und hab mich neben ihn niedergesetzt und hab ihn zu essen versucht; und ich habe mir aus ihm solche kleinen Plinze gepappt und von ihnen abgebissen und gegessen. Ich hatte noch Hunger, aber den Lehm mochte ich denn doch nicht gern; so bitter wie die Melde war er schon nicht, nur so etwas herber (...)"

Und so geht das mit der Melde und dem Lehm über Seiten fort in verschiedensten, aber doch immer ähnlichen Varianten und Wiederholungen, und nicht anders als für Wagner ist für Nepila jeder einzelne Tag des Mangels und Hungers erinnerlich.
Freilich war Nepila, anders als Wagner, kein Dichter. Und dennoch könnte ich mit dem Vergleichen fortfahren und fände überall im "Sorbischen Lesebuch" oder gar erst in der bei "Wunderhorn" in Heidelberg erschienenen Gesamtanthologie sorbischer Dichtung mit dem Titel "Das Meer Die Insel Das Schiff" selbst noch im Schriftzug des Taumelkäfers auf dem Wiesentümpel der Lausitz ähnliche Spuren Wagnerscher Gedicht-Bewegung, denn er war ja zeitlebens ein Sammler, hätte auch ein begnadeter Naturforscher sein können. Dafür soll hier das Gedicht "Gyrinus natator" von Ota Wicaz (1874 -1952) stehen, wie ich es dem Sorbischen entnommen habe:

Auf einem Wiesenteich, im Spiegelbild der Sonne,
kreist ohne Unterlaß ein winzig Ding voll Wonne,
ein Punkt, pechschwarzer Funken, kaum zu sehn,
ein blitzend Etwas, vormittags halb zehn.
Was tut das Käferchen? Es schreibt und malt begeistert
in großen Zügen, schwungvoll, voller Übermut
aufs Wasser, fährt einen langen Strich, verhält und ruht,
zieht Bögen, die noch keine Hand gemeistert,
schließt einen Kreis und läuft vertrackte Schleifen,
schießt plötzlich hin und her, und jetzt - ist's zu begreifen?
verbindet all dies noch einmal der wunderbare Stift,
und auf dem Teich erscheint in Schönschreibschrift
ein Zeichen zwischen Schilf und Entengrütze:
der Name des Insektenforschers

K.G. Schütze


Nun ist gewiß nicht jedes der vielen Gedichte Wagners von makelloser Schönheit, aber gerade diejenigen mit den seltenen "Fehlfarben" und dem gleichsam mikroskopischen Blick scheinen mir die reizvollsten zu sein. Es sind nicht immer die längsten, und alle sind sie nicht schlichtweg bäuerlich, vielmehr ländlich, wie auch in fast jedem der mir zusagendsten Gebilde neben den Blumen und Kräutern und kleinem Getier die Früchte des Landes vorkommen, die der mit Körper und Geist Zehrende suchte und sattsam fand. Einige Titel der Ausgabe von Ulrich Keicher mögen dafür stehen: "Distelhäupter am Weg", "Hausgärtlein im Spätherbst", "Bohnenblüte" (ganz so, wie ich die Kartoffelblüte liebe!), darunter das längere "Blühender Kirschbaum oder Apfelbaum", auch das ganz kurze "Drei Wiesenblumen". Wenigstens das "Hausgärtlein im Spätherbst" will ich hier vorlesen, wie wir es in der morgigen Novemberfrühe gewiß wiederfinden:

Dunkelrote Rüben, Kohl und Möhren
An des Gärtleins ausgetretnen Kehren.

Bohnenblätter, angewelkte Schoten,
Hier am Zaun dem Frühreif feilgeboten.

Einzig noch die Aster steht im Staate
Drüben im dem Tiefgrün der Salate.

Stolzer doch aus schwarzer Beete Krume
Hebt am Weglein sich die Sonnenblume.

Schnurrend in des Schlafbehagens Wonne
Eine Katze liegt dort in der Sonne.

Nesseln, Kletten rings in jeder Ecke,
Dort am Fenster Balsaminenstöcke.

Frommer Glanz von traulich stillen Wonnen
in das kleine Gärtlein ist versponnen.


Und wie seltsam das Wagnersche Prosagedicht "Eigentum" schon mit seinen Anfangszeilen mich berührte, die da lauten: "Es ist nicht alles ganz dein, was du dein nennest; es ist eigentlich gar nichts ganz dein, als die Wertsachen in deiner Brust (...)"
Lange überlegte ich, warum mir das so nahe ging, bis ich meine Tagebuchnotizen aus dem Jahr 1999 fand, als ich weder den Ortsnamen Warmbronn schon kannte noch je den Dichternamen Christian Wagner gehört hatte. Damals schrieb ich: "Es regnet leicht, warm, als warte die Nacht, der frühe nächtliche Morgen auf 'etwas sehr Schönes'...Davon gibt es nicht viel im Leben, und es ist nicht alles unser. Wie daß ich die Liebste sehen durfte, ihr sterbliches Haar, daß ihr Auge mich sah und mild lächelte - ich danke es Gott, wem sonst."
Heute ergänze ich: Daß ich so spät noch diese Gedichte lesen durfte und auch mir in ihnen begegnete - es war, es ist ein wunderbares Geschenk. Ich danke Ihnen für die Bekanntschaft mit dem Dichter Christian Wagner und für den nach ihm benannten Preis, und das kann ich hier wohl nicht besser zeigen als mit dem ersten Gedicht, das ich noch unter dem Eindruck der erstmaligen Wagner-Lektüre im Mai 2016 verfaßte. Die drei Vierzeiler tragen den Titel "Maigeburtstag".

An deinem Geburtstag prangt vor dem Haus
des Tulpengärtleins vielfarbiger Flor.
Von Kirschbäumen gerahmt ist er, weiß und kraus,
die ihn umblühen als summender Chor

mit Bienenstimmen, wenn leis ein Lied
aus Tulpenkehlen das Gärtlein durchschwebt.
Sie singen es dir, und der Tag beschied,
dein Geburtstag zu sein, und duftet und lebt.

Schau, die finsteren Erlen, wie sanft am Bach
sie erröten zum Abend, da oben das Nest
der Krähen sich schwärzt, dein Jahr gemach
ins Neue schon wechselt - so endet das Fest.