Laudatio von Michael Braun


ICH WILL DAS INNERSTE GEWEBE SEHN

Laudatio auf Nico Bleutge, anlässlich der Verleihung des Christian Wagner-Preises (15.11.2014)


„Wohin geht das Gedicht?“, fragte vor einigen Jahren die „Neue Zürcher Zeitung“ ein Dutzend internationaler Autoren, in der Hoffnung auf eine Ortsbestimmung. Das Gedicht, meine Damen und Herren, das Gedicht wartet am Eingang zur Unterwelt, es wartet geduldig auf Einlass, um dann, wenn alle Vorkehrungen getroffen sind, ins Dunkel einzutreten. Das Gedicht geht dann, mit seiner eigenen Schwerkraft, langsam von oben nach unten, in die dunkle Materie hinein, bis auf den Grund. Und nur die Augen „eilen hin und her“, die Augen des poetischen Erdforschers, der zugleich ein Hadeswanderer ist. Der Wanderer im Hades ist zunächst nur ein Betrachter, der seine Sinneswahrnehmungen aktiviert, ein Augenzeuge und Ohrenzeuge, einer, der tastet und hört und lauscht und das Sehen einübt, die Apperzeption. Und sein Gedicht geht langsam von oben nach unten. 
„und dann“, heißt es in einem Gedicht Nico Bleutge, „und dann hinunter in die tiefe steigen, auf den/ grund. den mund behutsam auf die steine legen, schild / an schild. und warten, auf den schlamm, geräusche. / auf die dämmerung.“ So ist das häufig in den Gedichten von Nico Bleutge: Da geht ein namenloses Subjekt mit allen Sinnen durch die Welt und tastet sich durch die Materie, durch Materialitäten, Stoffe, Substanzen. Es sind oft feinstoffliche Substanzen, zarte Naturphänomene, Blattformen, „wandernde teilchen“ „Wollflocken“ oder ein sanfter Windstoß, der durch Grashalme fährt. Mal sind es „Geländefalten“ oder Gesteinsformationen wie Schluff, Silt oder Muschelkalk, auf die sich die poetische Bewegung dieser Gedichte konzentriert. Dann wieder sind es maritime Phänomene, Strömungslinien, leuchtende Schiffe, Markierungstonnen, Bojen, Wellenbewegungen auf sich kräuselndem Wasser. 
Nico Bleutge hat Wasser im Sinn, so darf ich den Anfang seines Gedichtzyklus „fischhaare finden“ paraphrasieren, Wasser und die Feuchte in den Substanzen. Seine Gedichte sind fluid, sein intensives Schauen bringt die Stoffe und die Verse in eine gleitende Bewegung, sie praktizieren das „gleiten im schauen“, wie es in seinem faszinierenden Gedicht über das Grau heißt. 
Und auch in diesem lyrischen Versuch über das Grau finden wir jene Bewegung von oben nach unten, die seinen Gedichten eigen ist, das Gleiten in eine unergründliche Tiefe, wo es keine Haltepunkte mehr gibt und unsere gewohnten Wegmarkierungen versagen: „feuchte, innere graue flut, eisenfarbene / tiefe, näher dem boden, näher dem grundwogen zu.“ 
Was ist es, was uns dort unten erwartet, in der eisenfarbenen Tiefe? Nach den Erzählungen des antiken Mythos ist ja der Besuch der Unterwelt durchaus mit einigen Mühen verbunden. Es gibt zwar keine Visumspflicht, um die Grenze von der Oberwelt in die Unterwelt überschreiten zu können, aber man ist entweder auf die Hilfe des einflussreichen Fährmanns Charon angewiesen, der einen über den eiskalten Totenfluss, den Styx, navigiert oder auf die Gunst des Höllenhundes Kerberos, der darauf achtet, dass kein Lebender die Unterwelt betritt. Aber der Hades ist seit je ein Reiseziel für die Dichtung, und nicht jeder versagt dort so gänzlich wie der Dichterkönig Orpheus, der sich ungeduldig nach seiner Geliebten Eurydike umdrehen musste und sie dadurch für immer verlor. 
Nico Bleutge hat in immer neuen Anläufen den Weg in die Tiefe ausgelotet und führt uns mit der kunstvoll hergestellten Drift seiner Verse in eine Tiefe, die selber in Bewegung zu sein scheint, die nicht fest ist, sondern selber bodenlos, denn der „Boden“, so sagt es das Gedicht über das „Grau“, ist ja mit dem „Grundwogen“ verbunden, also einer schweren Wellenbewegung. Und auch in dem Gedicht, in dem Nico Bleutge in die Tiefe steigt, „auf den grund“, haben wir keineswegs einen sicheren Halt unter den Füßen. 

Vielleicht darf ich im Blick auf Nico Bleutges Poesie – probehalber und ungeschützt- eine kleine ontologische Maxime der modernen Dichtung hier hinstellen. Es gehört, davon bin ich überzeugt, zum Produktionsgesetz eines Gedichts, dass es uns prinzipiell nicht erlaubt, festen Boden unter den Füßen zu gewinnen, sondern es wird uns dieser feste Boden immer wieder entzogen. Der Feind der Poesie ist immer das Feste, die Fixierung, die Stereotypie kommt ja nicht zufällig vom griechischen „stereos“, fest, hart.
Und auch die Tiefe Nico Bleutges ist selbst dann bodenlos, wenn sein lyrisches Subjekt im zitierten Gedicht auf dem Grund angekommen ist: 

nichts
von einer schleierspur zu sehen. jedoch die steine,
welche in der tiefe ruhen, die steine, faßlich, fest. 
als wär ein summen in den schichten, wärme, 
die aus ihrem inneren dringt. ein schleichen? 
oder gleiten sie? 

Ja, sie gleiten, die Steine und Schichten, wie die Verse Nico Bleutges, der seine Gegenstände und Stoffe ganz akribisch konturiert, sie aber nicht fixiert. Seine Gedichte zeichnen „klare konturen“ der Dinge, sie folgen „wandernden teilchen“, sie entfalten punktuelle Perspektiven – aber die vom Gedicht eingekreisten Dinge sind nicht als klar definierte Objekte für uns instrumentalisierbar, sondern sie bleiben selbst als Dinge in Bewegung, sind präsent vor allem in ihrer vokabulären Morphologie, als Klänge und Schwingungen. 
Dafür zwei Beispiele.
Nico Bleutge, sagte ich, hat Wasser im Sinn, er baut aus den Schichtungen der Steine und der Wörter seine „Meeresbeweglichkeit“. Ein neuer, erst teilveröffentlichter Zyklus heißt „nachts leuchten die schiffe“.
Aber bevor ich darauf eingehe, will ich mich kurz dem Leuchten der Wörter in seinem wohl rätselhaftesten Gedicht zuwenden, dem Gedicht „fischhaare finden“, das 2012 in einem Künstlerbuch mit Papierschnitten des Künstlers Max Marek erschienen ist, bevor es 2013 in den Band „verdecktes gelände“ aufgenommen wurde. Im Gedicht „fischhaare finden“ kommen – nach meiner Lesart – die beiden zentralen Motivkreise und Passionen Nico Bleutges zusammen: das Maritime und das Geophysikalische, die Bildwelten des Wassers und der Wasserbewohner und die Vokabularien der Gesteinsformationen. Es ist ein Fest der Naturgeschichte, das hier in artistischer Vollkommenheit gefeiert wird. Es werden uns Bewegungsmuster vorgeführt, vorzugsweise Drehbewegungen – und es werden „leitende Elemente“ miteinander verbunden: helle, perlmuttfarbene Schalen und fluide Stoffe und Strömungsformen. Festes und Fluides in ständigem Wechselspiel, trockene und feuchte Stoffe in ständiger Verflechtung und Entflechtung. Das Fest der Naturgeschichte ist auch ein Fest der Wörter, die zum Leuchten gebracht werden. Wörter, die vom Konsonanten „F“ getragen werden: „fischhaare“, „fangspuren“, „flurgras“, „feuchte“ und „fischglanz“, „fjorde“, Wortbildungen mit maritimer Konnotation und botanischer Konnotation, Wasserkunde und Pflanzenkunde. Und all diese Vokabularien werden eingeflochten in ein poetisches Gewebe, und es wird ganz buchstäblich am Leuchten dieses Wörter-Gewebes gearbeitet, es wird die Helligkeit dieser Substanzen evoziert. Bereits in der dritten Zeile ist von „schalen mit licht leitenden elementen“ die Rede, später von einer Oberfläche „klar wie perlmutt oder fisch-/ glanz“, schließlich von „schalen aus kalk und eis“. Das Gedicht orchestriert in seinem Wortmaterial ein beständiges Schimmern und Glänzen, das ganz aus Naturstoffen und organischen Systemen kommt. 
fischhaare finden, heller und trockener als gras
und fangspuren finden, kalk und gewebefalten
an schalen mit licht leitenden elementen, immer
im drehen, immer im streifen von bruchkanten, quer
zu den wellen, und den windungen folgen, fluchtnahen
körnern, drehen und finden von flurgras, kanälen
an stellen für wärme oder feuchte in lang schon
verlassenen schalen, klar wie perlmutt oder fisch-
glanz, das helle darin, das höhlenartige
das fehlende, und das atemwasser filtern, dreh
über dreh, an den rippen, nah an der spindel, nah 
an der eigenfrequenz, noch den schwingungen
folgen, den fjorden, den kalten gärten und streifen
von licht, die wie schneehalden leuchten, schnee
der hohlfalten bildet, innen, schalen aus kalk
und eis, die nicht weichen, immer noch wachsen,
wendig, verändert, sich im gewebe halten

Und hier, in diesen Zeilen, finden wir denn auch die zentralen Bausteine der Poetik, denen Nico Bleutges Gedichte folgen. Es wird ja von der „Eigenfrequenz“ der Dinge und von ihren „Schwingungen“ gesprochen. Es sind solche „Schwingungen“ und „Oszillationen“, es ist die Eigenfrequenz der biologischen und sprachlichen Organismen, die dieser Dichter hörbar und sichtbar machen will. Es sind die inneren Verschiebungen und Schwingungen der Materie selbst, die Metamorphosen von Naturphänomenen, die zum zentralen Gegenstand der Poesie werden. Es geht in der Dichtung von Nico Bleutge nicht um eine „realistische“ Naturdichtung, sondern um eine hochmusikalische Sprachkunst, die sich an der Faszination bestimmter Naturvokabeln und an den Klängen der Sprachmaterie entzündet, die dann zu einer polyphonen Textur verflochten werden.
Und hier liegen auch die markanten ästhetischen Differenzen zum Namensgeber dieses Preises. Wo Christian Wagner eine emphatische Naturfrömmigkeit mobilisiert und die Realien von Flora und Fauna ins Zentrum einer Lebens-Ethik rückt, da entfaltet Nico Bleutge ganz akribisch die sprachliche Morphologie der Phänomene. Beiden Autoren gemeinsam ist indes ihr leidenschaftliches Interesse an „Musik und Wohllaut der Sprache“, worin, wie Christian Wagner einmal beiläufig bemerkt hat, allein „der Zauber“ der Poesie begründet liegt.

„Das innerste Gewebe“, so darf man im Blick auf seine Gedichte sagen, ist der Ort von Nico Bleutges Poesie. Und ihre Bewegung, und hier darf ich an den Anfang meiner Rede zurückgehen, ist der Weg von oben nach unten, ins „Höhlenartige“, Hadesartige, Feuchte. 
Letztlich ist es das Wort „Gewebe“ selbst, das zu einem Schwingungszentrum in den Gedichten wird. So auch in den letzten drei Zeilen von „fischhaare finden“: 

...schalen aus kalk 
und eis, die nicht weichen, immer noch wachsen,
wendig, verändert, sich im gewebe halten

Das Gewebe leuchtet auch in einem der jüngsten Gedichte Nico Bleutges, das im aktuellen Heft der Literaturzeitschrift „Akzente“ zu lesen ist. Auch hier wird eine Abwärtsbewegung aufgerufen, die durch Sedimente und Flöze – nach Art des beständigen Grabens und Schaufelns – bis hin zum „innersten Gewebe“ der Erde führt. In einer Dankrede, die die Veröffentlichung der Gedichte in den „Akzenten“ flankiert, verweist der Dichter auf die „Schwingung“ eines Gedichts, die sich der Wirkung von Klang und Rhythmus verdankt. Interessanterweise erweist Bleutge hier – wie an einigen anderen Stellen seiner Essays – dem schwedischen Dichter Gunnar Ekelöf, einem großen Mystiker, der 1968 gestorben ist, seine Reverenz. Bleutge verweist auf Ekelöfs Diktum von der Strahlung des Gedichts, von den poetischen Kraftlinien, die sich gegenseitig anziehen und abstoßen. So hänge alles ab von der „Fähigkeit des Dichters, die Wörter und Bedeutungen in ein solches Reibungs- und Nuancierungsverhältnis zueinander zu setzen“, dass letztlich „eine Art von magnetischem Gewebe aus unsichtbaren Fäden“ entsteht: „Ein magnetisches Gewebe also, ein magnetisches Gewebe, in dem die Kraft der Einzelheiten wirksam ist.“ Der „Textus“, so sagt es uns schon das lateinische Wort, der „textus“ ist ein Gewebe – und der Dichter Nico Bleutge lässt es durch beständiges Flechten der Wortsubstanzen und der Wortklänge entstehen. Und er geht mit seinen Gedichten immer mitten in die Materie hinein, ins Tellurische, in die geologischen Schichtungen der Erde. Die „Erdbewegung“ wird gleichsam nachgeschrieben – bis wir wieder vor dem Eingang zur Unterwelt stehen. Und mit seiner Stimme und seinen Sinnesorganen und seinen Sprachzeichen gräbt sich der Dichter erdunter, zu den rohen Stoffen und Sedimenten, zu Schluff und Silt und er betritt die dunklen Höhlengänge. Beispielhaft in diesem Gedicht:

als ob die stimme
abwärts ginge, richtung
schletten, richtung schluff. 

komm, mach die raupe, mach
die haltegriffe und den schlaf,
sprich von den flözen,

dem geknebelten hund, er
wird noch schaben, wird
auf schädel stoßen, beine.

sprich lauter, sprich,
zeig mir die hungerlunge,
die kleinen eichen ohne furcht,

das schrappen und die rasche 
erdbewegung aus der zeit
die du mit rißwerk, scharfen

kanten, hier nachgeschrieben
hast. so sprechen die fasern,
spricht die luft

in den adern. und du murmelst
noch vom gemenge,
schließt noch den leipziger

raum mit ein, komm in die gänge,
poller dich ein, ich will
das innerste gewebe sehn.


Wir sind, so scheint es zunächst, in einer Bergbaulandschaft, im Leipziger Tagebau, in Flözen, graben uns immer weiter hinein, und stoßen auf Gebeine und Totenschädel, wieder eine Unterwelt. Und die Passion des Dichters ist auch hier das „Digging“, das Graben in der Erde mit der Schreibfeder, das „Digging“, wie es einst auch der Dichter und spätere Nobelpreisträger Seamus Heaney zu seiner Maxime erhob. Aber halt – wir sollten die konjunktivische Markierung nicht übersehen, das „Als ob“, das uns davor bewahren soll, diese Bewegung erdunter zu wörtlich zu nehmen – und zu erkennen, dass ja nicht von Grabungsvorgängen die Rede ist, sondern von den Artikulationen einer Stimme, die zu uns spricht. Es wird ja das Sprechen und das Schreiben aufgerufen, nicht das Graben. 

als ob die stimme
abwärts ginge, richtung
schletten, richtung schluff. 


Und natürlich ist es auch bedeutsam zu wissen, dass dieses Gedicht ursprünglich an Volker Braun adressiert war und in einer Anthologie zum 75. Geburtstag des melancholischen Sozialisten erschienen ist. Ein Hinweis, den ich unserem Preisträger verdanke. So sind die tellurischen Zeichen des Gedichts scheinbar leichter zu verstehen, zumal Volker Braun selbst einige Jahre lang im Bergbau gearbeitet hat, im Kombinat „Schwarze Pumpe“ und als Maschinist im Tagebau. 
Aber wer näher hinschaut, erkennt auch die primäre Referenz des Gedichts. 
Denn bei Nico Bleutge ist immer auch das Sprechen selbst ein Thema, die Schwingungen der Sprachzeichen, wenn der Artikulationsapparat des Dichters mobilisiert wird und das Gedicht entsteht, rein physiologisch, als in Vibration versetzte Atemluft. Und dennoch folgen wir unwillkürlich dem poetischen Appell, „in die Gänge zu kommen“, der als Redewendung zu verstehen ist, die davon handelt, langsam in Bewegung und Schwung zu kommen, aber auch als dieser Bewegungsvorgang selbst, der ins Dunkle führt. Und so wird uns nun auch Nico Bleutge selbst gleich in die Gänge führen, ins „Höhlenartige“, wo es keine Ausgänge gibt, nur das Schimmern und Leuchten der Wörter schenkt uns noch Licht. Für diese poetischen Erkundungsgänge durch dunkle Materie, hin ins „innerste Gewebe“, für die Verwandlung von Naturgeschichte in Dichtung verleihen wir Nico Bleutge heute den Christian-Wagner-Preis. Lieber Nico, ich gratuliere Dir im Namen der Jury ganz herzlich. Wir steigen mit Dir in die Tiefe – und verlassen uns darauf, dass wir danach heil in die Oberwelt zurückkehren können.